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Blink 3 von 12 - Eine kurze Geschichte der Menschheit
von Yuval Noah Harari
Die Scham muss die Seiten wechseln
Eine Hymne an das Leben feiert die Lebensfreude und Widerstandsfähigkeit. Gisèle Pelicot und Judith Perrignon beleuchten bewegende Geschichten von Begegnungen und Menschlichkeit, die uns inspirieren, jeden Moment dankbar zu erleben und echte Verbundenheit zu schaffen.
„Das sind Sie auf dem Foto.“
Mit diesem Satz bricht am 2. November 2020 auf dem Polizeirevier in Avignon ein ganzes Leben in sich zusammen. Gisèle Pelicot, Rentnerin, verheiratet und wohnhaft im südfranzösischen Städtchen Mazan, fehlen die Worte. Damit hat sie nicht gerechnet. Ihr Mann Dominique war einige Wochen zuvor dabei erwischt worden, wie er in einem Einkaufszentrum Kundinnen heimlich mit seinem Smartphone unter die Röcke gefilmt hatte. Unter Tränen hat er ihr davon gebeichtet: „Ich will dich nicht verlieren“, hatte er geschluchzt. Gisèle hatte ihn beruhigt. Es handele sich zwar um eine beschämende Angelegenheit, aber um nichts, was sich nicht durch eine Entschuldigung aus der Welt schaffen ließe. Gisèle nahm ihrem Mann das Versprechen ab, eine Therapie zu machen.
Als einige Wochen später eine Vorladung aufs Polizeirevier folgt, glaubt sie, dass es immer noch um die peinliche Eskapade im Einkaufszentrum geht. Sie nimmt ihren Mann in Schutz. Er sei im Großen und Ganzen ein feiner Kerl, ihr Dominique: liebevoll, fürsorglich und zuverlässig. Doch dann legt der Beamte ihr Bilder vor, die in ihrem eigenen Schlafzimmer aufgenommen wurden: Darauf ist eine Frau zu sehen. Völlig reglos liegt sie da, umringt von fremden Männern, die sie vergewaltigen. Erst widerspricht Gisèle reflexhaft: „Nein, das bin ich nicht. Das kann nicht sein“, sagt sie. Doch als sie genauer hinschaut, muss sie sich eingestehen, dass der Beamte recht hat. Die Frau auf dem Bild, das ist tatsächlich sie: Gisèle Pelicot.
Die Ermittler haben auf dem Rechner ihres Mannes tausende Fotos und Videos entdeckt, fein säuberlich archiviert, mit Datierungen und Namen versehen. Sie dokumentieren, dass Dominique Pelicot seine Frau über Jahre hinweg betäubte, bewusstlos machte und dann Männer zu sich nach Hause einlud, um sie zu vergewaltigen.
Gisèle ist wie gelähmt. Alles, was sie fühlt, ist Schockstarre. „Wollen Sie Anzeige erstatten?“, fragt der Beamte. Wie mechanisch antwortet sie: „Ja.“ Zu Hause räumt sie erstmal auf, wäscht Wäsche, saugt die Zimmer, so wie sie es jahrelang getan hat. Während in ihrem Inneren alles auseinanderbricht, hält sie sich im Außen an gewohnten Handgriffen und Routinen fest. Sie versucht, an dem Leben festzuhalten, das wenige Stunden zuvor noch gültig war.
Doch schon folgt das zweite Entsetzen. Denn die schrecklichen Bilder geben Antworten auf Fragen, mit denen Gisèle sich schon lange gequält hat: In letzter Zeit hatte es so ausgesehen, als würde ihr Gehirn sie nach und nach im Stich lassen. Sie vergaß wichtige Termine, Namen und erinnerte sich oft noch nicht mal mehr daran, wann sie das letzte Mal beim Friseur gewesen war. Ihre Kinder sorgten sich um die Mutter, denn in Gesprächen wirkte Gisèle mitunter fahrig und seltsam abwesend. Doch die Ärzte fanden keine schlüssige neurologische Ursache für diese Symptome. Und ihr Mann? Er blieb die Ruhe selbst und tat so, als wäre das alles völlig normal, als würde Gisèle eben einfach alt.
Doch durch die Ermittlungen kommt nun eine fürchterliche Wahrheit ans Licht. Versteckt in alten Wanderschuhen findet die Polizei im Haus der Pelicots Vorräte an Tablettenblistern voller Betäubungsmittel. Nun erinnert sich Gisèle an merkwürdig schmeckende Aperitifs und seltsam verfärbte Getränke, die ihr Mann ihr verabreicht hatte. Sie hatte sich dabei nichts gedacht, höchstens nachsichtig über seine linkische Fürsorge gelächelt. Doch jetzt versteht sie auf einmal, warum sie so oft mit schwerem Kopf, diffusen Unterleibsschmerzen und Erinnerungslücken erwacht war. Erst jetzt begreift sie, dass ihre „Aussetzer“ keine rätselhafte Krankheit gewesen waren, sondern die Folge jahrelanger Vergiftung.
Auch die gynäkologische Untersuchung bringt neue Erkenntnisse: Die Ärzte stellen mehrere bakterielle Infektionen fest – Geschlechtskrankheiten, verursacht durch den systematischen Missbrauch. Dass Gisèle keine Risse oder Verletzungen im Genitalbereich hat, liegt daran, dass die Betäubungsmittel so wirksam waren, dass ihr bewusstloser Körper während der gewaltsamen Übergriffe vollkommen erschlafft war.
Für Gisèle Pelicot ist diese Wahrheit entlastend und vernichtend zugleich. Entlastend, weil sie nun Gewissheit hat, was hinter ihren Erinnerungslücken und körperlichen Beschwerden steckt. Vernichtend, weil die Erklärung nicht in einer Krankheit liegt, sondern in der perfiden Grausamkeit des einen Menschen, dem sie fast ihr ganzes Leben bedingungslos vertraut hat. Der Mann, der sie zu Ärzten begleitete und im Wartezimmer ihre Hand gehalten hatte, war offenbar derselbe, der ihre Symptome selbst herbeiführte.
Nach diesem schicksalsschweren Tag auf dem Polizeirevier ist nichts mehr wie es vorher war. Gisèle Pelicot steht nicht nur vor den Scherben ihrer Ehe, sondern muss ihr ganzes Leben in Frage stellen: Welcher ihrer Erinnerungen kann sie überhaupt noch trauen? Was war Wahrheit, was Lüge? Und wer ist dieser Mann, mit dem sie noch immer verheiratet ist?
Eine Hymne an das Leben (2026) ist die Autobiografie von Gisèle Pelicot. Darin verarbeitet sie ihre Erinnerungen zu dem Gerichtsverfahren gegen ihren Ex-Ehemann und über fünfzig weitere Männer, von denen sie betäubt, vergewaltigt und dabei gefilmt wurde.


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