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Blink 3 von 12 - Eine kurze Geschichte der Menschheit
von Yuval Noah Harari
Wie Sprache unser Denken prägt und unsere Politik bestimmt
Sprache und Sein untersucht, wie Sprache unser Denken und unsere Identität prägt. Kübra Gümüşay fordert einen bewussteren Sprachgebrauch, um gesellschaftliche Ungerechtigkeiten sichtbar zu machen und Kommunikation inklusiver zu gestalten.
Zu Kübra Gümüsays frühesten Erinnerungen gehört die Stimme ihres Großvaters, der ihr auf Arabisch die Worte des islamischen Gebetsrufs ins Ohr flüsterte. Ein leiser Ruf, der raunend vom Geheimnis des Lebens sprach. Seitdem ist Arabisch für Kübra die Sprache der Spiritualität, ein klingendes Mysterium, das sie nie so ganz enträtseln konnte. Und doch schenkt ihr seine Melodie bis heute Trost und Geborgenheit.
Kübras Welt war von klein auf vielsprachig. Neben Arabisch und Türkisch, kamen später noch Deutsch und Englisch hinzu.
Was passiert mit uns, wenn wir zwischen den Sprachen leben? Wenn wir nicht nur eine, sondern zwei, drei, manchmal sogar vier Sprachen in uns tragen – nicht einfach als Vokabeln im Kopf, sondern als Seinsweisen in der Seele? Menschen, die mehrsprachig aufgewachsen sind, erzählen oft: Ich bin in jeder Sprache ein anderer Mensch. Und vielleicht ist da etwas dran. Denn Sprache ist nicht nur Mittel der Kommunikation – sie ist Heimat, Musik, Erinnerung.
Türkisch war die erste Sprache, die für Kübra zu einem echten Zuhause wurde. Auf Türkisch machte sie ihre ersten Schritte in die Welt: Sie lernte lesen und schreiben und erlebte später ihre erste Liebe. Bis heute weint, betet und dichtet sie auf Türkisch. Türkisch ist für sie die Sprache der Liebe. Ihr Klang weckt in ihr ein Gefühl von Zärtlichkeit, aber auch von Wehmut.
Als Kübras Eltern mit ihr nach Deutschland gingen, musste sie sich in einer neuen Sprache häuslich einrichten. Schnell lernte sie, auf allerhand Gegenstände zu deuten und sie beim Namen zu nennen: Auto, Baum oder Haus. Deutsch wurde für sie die Sprache der Selbstermächtigung. Sie öffnete ihr die Tür zur Welt der Bildung, zur Welt des Intellekts und des Erwachsenseins. Sie hat sich die Sprache erobert, sie schreibt Bücher und Zeitungsartikel – alles auf Deutsch. Deutsch ist nicht die Sprache ihrer Mutter – und doch ist sie zu ihrer Muttersprache geworden.
Doch die deutsche Sprache war nicht immer freundlich zu ihr. Auf Deutsch erfuhr sie zum ersten Mal, wie es sich anfühlt, abgewertet zu werden. Menschen reagierten oft irritiert auf ihr perfektes Deutsch. Sie fragten sich: „Wie kann es sein, dass dieses Mädchen mit Kopftuch perfekt Deutsch spricht? Sie ist doch keine von uns.”
Eine deutsch-türkische Studentin erzählte Kübra Gümüşay einmal voller Verzweiflung, dass sie sich lieber die Zunge abbeißen würde, als auch den kleinsten deutschen Grammatikfehler zu begehen. So stark lastet die Erwartung auf Menschen mit Migrationshintergrund, anderen zu beweisen: Diese Sprache gehört mir genauso wie euch.
Das ist die Bürde, die viele tragen, deren Mehrsprachigkeit nicht gefeiert, sondern misstrauisch beäugt wird. Denn mal Hand aufs Herz: Bei dem Wort „bilingual” denken die meisten von uns an Deutsch und Französisch oder Deutsch und Chinesisch, aber nicht an Deutsch und Türkisch, Deutsch und Rumänisch oder Deutsch und Swaheli.
Als Kübra Gümüsay mit 14 Jahren für eine Praktikumsbewerbung einen Lebenslauf schreiben sollte, zögerte sie, unter „Sprachkenntnisse” Türkisch und Arabisch anzugeben. Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, dass sich jemand für diesen Bereich ihrer Persönlichkeit interessieren könnte.
Dabei brauchen wir alle Sprachen, die in uns leben. Damit wir ganz wir selbst sein können. Damit wir sagen können: Ich bin ich. Egal ob auf Deutsch, Arabisch oder Türkisch.
In Sprache und Sein (2020) geht es darum, wie Sprache unsere Identität, unser Denken und Handeln formt – insbesondere, wenn es um Ausgrenzung und Rassismus geht.
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Blink 3 von 12 - Eine kurze Geschichte der Menschheit
von Yuval Noah Harari