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Blink 3 von 12 - Eine kurze Geschichte der Menschheit
von Yuval Noah Harari
Gezielt vorbeugen, ganzheitlich verstehen, liebevoll begleiten
Demenz beleuchtet die Herausforderungen und emotionalen Aspekte, die mit der Krankheit verbunden sind, und bietet wissenschaftlich fundierte Informationen sowie Ratschläge, um Betroffenen und Angehörigen besser zu helfen und das Leben leichter zu gestalten.
Demenz. Das klingt oft nach einem einfachen Etikett: Jemand ist eben „nicht mehr ganz da“. In Wahrheit beschreibt dieses Wort ein ganzes Bündel von Erkrankungen, die das Gehirn und damit den ganzen Menschen verändern. Demenz ist mehr als bloßes Vergessen, sie ist eine schleichende Entfremdung von der Welt. Demenz kann dazu führen, dass vertraute Menschen zu Unbekannten werden, dass die gewohnte Umgebung zur Gefahrenzone wird oder auch dazu, dass alte Wunden aus der Vergangenheit wieder aufbrechen. Aber auch, wenn sich der Patient bei dieser Krankheit verändert, ist er immer noch ein ganzer Mensch mit seinen Rechten und seiner Würde.
Wenn du Demenz verstehen willst, solltest du dir zuerst ansehen, wie Betroffene sie erleben. Von innen fühlt sich die Krankheit an wie ein dichter Nebel, der kommt und geht. An einem Tag erkennt die Großmutter ihren Enkel und erzählt Witze, am nächsten Tag will sie ihn mit einem Küchenmesser in die Flucht schlagen. Manchmal werden Menschen mit Demenz milder und weicher, manchmal brechen aber auch unverarbeitete Traumata durch, die jahrzehntelang mühsam weggedrückt wurden. Dann kommt es zu Weinkrämpfen oder Wutausbrüchen. Trotzdem sind Menschen mit Demenz nicht „defekt“. Wer mit ihnen redet, als seien sie betrunken oder ein kleines Kind, verkennt, dass ihre Erfahrungen und ihre Lebensgeschichte trotz allem in ihnen weiterleben.
Es ist außerdem wichtig zu wissen, dass Demenz in verschiedenen Formen auftritt: Am häufigsten ist die Alzheimer-Krankheit. Sie beginnt oft unauffällig, mit kleinen Gedächtnislücken ab etwa Ende siebzig: Namen werden verwechselt, Wege werden vergessen, Termine verschwinden aus dem Kopf. Die Ursache sind bestimmte Eiweiße, die sich im Gehirn ablagern und die Kommunikation zwischen den Nervenzellen stören. Es gibt außerdem die vaskuläre Demenz, bei der Durchblutungsstörungen das Gehirn schädigen.
Eine besonders tückische Variante ist die Lewy-Körper-Demenz. Hier schwankt der Zustand stark: An einem Tag ist der Vater fast wieder wie früher, am nächsten sieht er wilde Tiere im Badezimmer. Dazu kommen häufig Koordinationsstörungen, die an Parkinson erinnern. Und dann gibt es noch die frontotemporale Demenz, die oft schon Menschen zwischen Mitte vierzig und Mitte sechzig trifft. Hier verändert sich nicht zuerst das Gedächtnis, sondern die Persönlichkeit: Ein liebevoller Mensch wirkt plötzlich kalt, enthemmt, verletzend oder völlig teilnahmslos. Andere verlieren nach und nach ihre Sprache.
All diese Formen sind sogenannte primäre Demenzen, das heißt, die Ursache liegt direkt im Gehirn. Neben diesen primären Formen gibt es die sekundären Demenzen. Hier ist das Gehirn nicht der Ausgangspunkt, sondern nur der Leidtragende. Stoffwechselstörungen wie eine Schilddrüsenunterfunktion, ein schlecht eingestellter Diabetes und auch Leber- oder Nierenprobleme können Denken und Konzentration massiv beeinträchtigen. Ein weiterer Grund kann ein ausgeprägter Mangel an Vitamin B1 oder B12 sein, wie er zum Beispiel durch Mangelernährung, chronischen Alkoholkonsum oder Störungen im Magen-Darm-Trakt entsteht. So ein Mangel kann zu schweren kognitiven Ausfällen führen, die wie Alzheimer aussehen, aber ganz andere Ursachen haben. Langjähriger Alkoholmissbrauch, bestimmte Medikamente, Giftstoffe, Infektionen wie HIV oder Borreliose, Gehirntumore oder ein erhöhter Hirndruck: All das kann demenzartige Symptome hervorrufen.
Der entscheidende Punkt dabei ist, dass sekundäre Demenzen oft behandelbar oder sogar ganz reversibel sind. Werden sie jedoch vorschnell als Alzheimer abgestempelt, verlieren Betroffene die Chance auf Heilung. Bei ersten Demenz-Symptomen lohnt es sich deshalb immer, genauer hinzuschauen. Ein Hausarzt oder Neurologe kann den Vitaminspiegel überprüfen, Entzündungswerte messen und den Stoffwechsel und die Organe checken.
Egal in welcher Form sie auftritt: Demenz greift meistens zuerst den Hippocampus an. Der sitzt in der Schläfenregion des Kopfes und ist sozusagen die Eingangsschleuse für frisches Wissen. Hier werden neue Wege, Namen, Gesichter und Termine sortiert und weitergeleitet. Wird er in Mitleidenschaft gezogen, passiert es, dass jemand den Weg vom Supermarkt nach Hause nicht mehr findet, während alte Geschichten aus der Kindheit aber noch immer in leuchtenden Farben präsent sind. Schreitet die Demenz voran, klemmen irgendwann nicht nur die Eingangstore, sondern auch die Türen im Archiv dahinter, wo die langfristigen Erinnerungen lagern. Geschieht das, weiß der Betroffene nicht mehr, ob er Kinder hat oder wo er gelebt hat. Die Identität bröselt.
Das erklärt, warum das Wissen um Fakten oft früh verschwindet, Gefühle aber erstaunlich lange bleiben. Die Hirnstrukturen, die Emotionen verarbeiten, funktionieren häufig deutlich länger als das nüchterne Faktengedächtnis. Eine demenzkranke Frau vergisst innerhalb von fünf Minuten, was ihr Sohn gesagt hat, aber sie spürt sehr genau, ob er genervt, liebevoll oder gleichgültig war. Das ist im Alltag ein wichtiger Schlüssel. Auch wenn jemand nichts mehr mitzukriegen scheint, bedeutet es viel, wenn du ihm liebevoll zuredest und seine Hand hältst. Denn das Gefühl von Verbundenheit bleibt hängen, auch wenn die Wirklichkeit brüchig geworden ist.
So viel zu den Erscheinungsformen der Demenz und ihrem Verlauf. Im nächsten Abschnitt sehen wir uns an, wie es derzeit um Forschung und Behandlungsmöglichkeiten bestellt ist.
In Demenz (2025) von Dietrich Grönemeyer geht es um einen Schicksalsschlag, vor dem sich viele auch schon in jüngeren Jahren fürchten. Wenn das Gehirn nachlässt, stehen Betroffene und Angehörige vor ungeahnten und oft schmerzhaften Herausforderungen. Erfahre hier, was Demenz genau ist, wie wir ihr vorbeugen können und wie wir lernen können, mit ihr zu leben.
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