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Blink 3 von 12 - Eine kurze Geschichte der Menschheit
von Yuval Noah Harari
Das Ende des deutschen Wirtschaftswunders
Kaputt untersucht die Krise der Eurozone und beleuchtet die politischen und wirtschaftlichen Fehler, die zur Instabilität führten. Münchau bietet kritische Analysen und diskutiert potenzielle Lösungen zur Stärkung Europas.
Wolfgang Münchau wuchs in der rheinländischen Industriestadt Mülheim auf. Auf seinem Schulweg fuhr er täglich mit der Straßenbahn an zwei benachbarten Fabriken vorbei. Die eine stellte Pipelines her, die andere Kernreaktoren. Für den jungen Wolfgang Münchau waren die beiden grauen Giganten Symbole eines erfolgreichen Industriemodells. Leitungen und Kernkraftwerke befeuerten das Wirtschaftswunder im Nachkriegsdeutschland.
Dieses Industriemodell wurde weltweit jahrzehntelang bewundert, aber heute hat es tiefe Risse. Für Münchau ist der Grund klar: Deutschland hat sich zu stark auf eine moderne Form des Merkantilismus versteift. Auf die Idee, den Wohlstand fast ausschließlich über Exportüberschüsse zu sichern.
Das Modell funktionierte mit zwei Stellschrauben. Die erste war die notorische Unterbezahlung von Arbeitern, um deutsche Produkte günstig herstellen und billig im Ausland verkaufen zu können. Die zweite waren öffentlich-rechtliche Banken, die die Industrie mit billigen Krediten versorgten. So entstanden enorme Handelsüberschüsse. Das Herzstück dieser Politik waren die Landesbanken: regionale Finanzinstitute, deren Aufsichtsräte mit Politikern und Gewerkschaftern besetzt wurden. Sie verteilten großzügig Kredite in Branchen, die man für systemrelevant erklärte. Egal, ob sie noch Zukunft hatten, oder nicht.
Ein gutes Beispiel dafür war die Übernahme der Dortmunder Firma Hoesch durch den Essener Stahlriesen Krupp Anfang der 1990er-Jahre. Der Deal wurde hinter den Kulissen von der NRW-Landesbank WestLB eingefädelt. Deren Vorstandschef Friedel Neuber leiß sein Geldhaus heimlich Anteile an Hoesch kaufen, um die Finanzierung zu sichern und die Übernahme durch Krupp zu erleichtern. Das Ganze hatte System und bescherte Neuber den Spitznamen „Roter Pate“. Der WestLB-Chef war Mitglied der SPD, deren langjähriger NRW-Ministerpräsident Johannes Rau bestens im Bilde war: Die Landesbank verteilte großzügig Kredite. Kredite hielten die Industrie am Leben. Und die gesicherten Arbeitsplätze brachten Stimmen. Politik, Banken und Wirtschaft waren eng miteinander verstrickt.
Dieses geradezu kartellartige Klüngel-System befeuerte damals den deutschen Aufschwung. Aber im 21. Jahrhundert wurde es zur Falle. Das hat vor allem zwei Gründe. Zum einen erfordert die Globalisierung enorme Flexibilität. Die deutschen Landesbanken aber waren nicht auf dynamische Marktsignale konditioniert, sondern auf politische Vorgaben. Das führte dazu, dass sie Anfang der Nullerjahre blind in vermeintlich lukrative US-Hypotheken investierten. Der Rest ist Geschichte: Die Subprime-Blase platzte, die fragwürdigen US-Kredite wurden nicht bedient und deutsche Banken machten in der Wirtschaftskrise Verluste von insgesamt 18 Milliarden Euro. Ausgerechnet die Landesbanken, die die Kräfte der Märkte eigentlich abfedern sollten, ließen sich von ihnen mitreißen.
Der zweite Grund war der fehlende Fokus auf Innovation. Die riesigen Exportüberschüsse von teils bis zu 8 Prozent des BIP wurden lange durch „alte“ Branchen generiert: Autos, Maschinen und Chemie. Aber diese Gewinne wurden nicht in die Förderung von Zukunftstechnologien investiert, sondern in der Regel in dieselben alten Industriezweige gesteckt. Dabei blieb die Innovation auf der Strecke. Statt digitale Zukunftsmärkte zu erschließen, hielt die deutsche Wirtschaft am angezählten Maschinen- und Autogeschäft fest.
Die sture Fokussierung auf den Neomerkantilismus hat also vor allem eine Schwachstelle: Die Wirtschaft klammert sich an eigentlich überholte Strukturen. Und währenddessen ist die Welt längst ins digitale Zeitalter aufgebrochen. Das Erfolgsmodell der Nachkriegszeit ist zum Klotz am Bein einer Wirtschaft geworden, die dringend neue Impulse braucht.
Kaputt (2024) rechnet mit dem Mythos ab, die deutsche Wirtschaft könne sich ewig auf alten Lorbeeren ausruhen. Wolfgang Münchau zeigt, wie der jahrzehntelange Klüngel von Politik und Industrie das Land in eine gefährliche Abhängigkeit geführt hat: von billigem russischen Gas, von chinesischen Lieferketten, und von fossilen und überholten Industrien. Das Ergebnis sind digitale Rückständigkeit, Energiekrisen und ein eklatanter politischer Vertrauensverlust. Das hier ist ein kluger, schallender Alarm.
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Blink 3 von 12 - Eine kurze Geschichte der Menschheit
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