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“Wie verschafft man einer App Millionen Downloads, Herr Seim?“

Blinkist bringt die Kernaussagen aus über 3000 Sachbüchern kurz und knackig auf das Smartphone. Millionen User lieben die App dafür. Doch wie brachte es das Start-Up, das 2013 fast pleite ging, zu weltweitem Erfolg? Ein Interview mit Holger Seim, einem der Gründer.
von Charlotte Zink | 06.02.2020

“Hidden Champion der deutschen Start-up-Szene”, nannte das Wirtschaftsmagazin “brand eins” Blinkist neulich und im vergangenen September schaute Apple-Chef Tim Cook bei Ihnen im Büro vorbei. Das klingt so als hätten Sie ein ziemlich gutes Jahr hinter sich.

Holger Seim: Das ist zum Glück tatsächlich so. 2019 war ein spannendes Jahr und der Besuch von Tim Cook war natürlich ein absolutes Highlight. Welches Start-Up wünscht sich nicht, dass der Apple-Chef die eigene App auf seinem iPhone testet und für gut befindet? Davon abgesehen war es ein tolles Gefühl zu sehen, dass unsere Nutzer-Zahlen weiter wachsen und auf 14 Millionen zugehen.

Die Gründer des Berliner Startups Blinkist: Niklas Jansen, Tobi Balling und Holger Seim (v. l.), nicht im Bild: Sebastian Klein
Die Gründer des Berliner Startups Blinkist: Niklas Jansen, Tobi Balling und Holger Seim (v. l.), nicht im Bild: Sebastian Klein

Für alle, die die Wissens-App noch nicht kennen – kurz und knackig: Was genau bietet Blinkist?

Seim: Blinkist ist eine App, die Kurzversionen von Sachbüchern anbietet. Konkret sieht das so aus, dass Nutzer auf eine Bibliothek zugreifen können, in der sie über 3000 Kurzversionen finden. Mein Lieblingstitel ist zum Beispiel die Kurzversion zu Carol Dwecks Buch „Selbstbild“. Wenn ich die anklicke, kann ich mir aussuchen, ob ich den Titel lesen oder anhören möchte. Im Schnitt dauern unsere Titel 15 Minuten, so dass man sie gut unterwegs hören oder lesen kann. Besonders gut finde ich persönlich, dass es am Ende jedes Titels eine kurze Wiederholung der Kernaussage gibt.”

Blinkist ist also eine App, die zum Bücher lesen anregen soll. Ist das nicht ein Widerspruch in sich?

Seim: “Überhaupt nicht. Im Gegenteil: Unser Anliegen ist es, die Menschen, die sich in ihrer Freizeit gerne weiterbilden möchten, dabei zu unterstützen. Deswegen machen wir Sachbuch-Inhalte kurz und knackig zugänglich. Aber: Natürlich können und wollen wir Sachbücher nicht ersetzen. Blinkist ist aber ideal, um herauszufinden, ob ein Buch für einen persönlich relevant ist und man es komplett lesen und tiefer einsteigen möchte. Oder auch, um das Gelernte aus einem Buch, das man bereits gelesen hat, nochmal zu festigen.”

Und das kommt an? Wie kann man sich die Nutzer vorstellen?

Seim: Das kommt an, ja! Blinkist spricht die unterschiedlichsten Menschen an: Das kann ein CEO sein, der unsere Kurzversionen auf dem Weg ins Büro hört, der Student, der im Fitness-Studio nebenher etwas Lernen will oder die Mutter, die beim Stillen die App nutzt. Was wir herausgefunden haben ist, dass vor allem Akademiker Blinkist mögen. In einer Umfrage kam heraus, dass 80 Prozent unserer Nutzer einen Hochschulabschluss haben.

Aber irgendwer muss die Bücher ja komplett lesen: Wie entstehen die Kurzversionen, die Blinkist anbietet?

Seim: “Klar, lesen spielt bei uns eine wichtige Rolle. An der Erstellung einer Zusammenfassung sind eine ganze Reihe von Leuten beteiligt: Darunter Wissenschaftler, die sichergehen, dass alle Fakten in den Blinkist-Titeln stimmen, ausgebildete Journalisten, die darauf achten, dass die Texte gut verständlich geschrieben sind und professionelle Sprecher, die Texte vertonen, um nur einige zu nennen. Was viele nicht wissen: Das Konzept von Blinkist baut auf wissenschaftlichen Erkenntnissen aus Hirnforschung und Psychologie, es ist also kein Zufall, wenn man aus unseren Kurzversionen viel behält.”

Was heißt das konkret?

Seim: Das heißt – sehr vereinfacht –, dass wir unsere Texte so schreiben, dass das Gehirn die Informationen gut aufnehmen kann. Außerdem gibt es Studien, die zeigen, dass Microlearning die Konzentrationsphasen eines Menschen optimal ausnutzt. Das erhöht die Chancen, das Gelesene oder Gehörte zu behalten nochmal.

Was muss man sich unter Microlearning vorstellen?

Seim: Im Deutschen nennen manche diese Lernmethode auch Häppchen-Lernmethode. Das klingt zwar ein bisschen albern, meint aber, dass man Informationen in kleinen Dosen präsentiert bekommt. Bei Blinkist sind die Kurzversionen in mehrere Abschnitte unterteilt, die man dann nacheinander liest oder anhört. Alles super übersichtlich und wie gesagt in der Regel dauert eine komplette Kurzversion nicht länger als 15 Minuten.

Sie haben Blinkist zusammen mit Freunden kurz nach Abschluss Ihres Studiums gegründet. Heute haben Sie über 13 Millionen Nutzer, über 10.000 Downloads täglich und 160 Mitarbeiter. Wie schafft man das, Herr Seim?

Seim: Dass wir heute soweit sind, liegt vor allem daran, dass hinter Blinkist ein echt starkes Team steht. Damit meine ich nicht nur die die Erfahrung und Expertise, die meine Kollegen und Kolleginnen mitbringen, sondern auch wie sehr sie für Blinkist brennen. Das haben wir vor allem gemerkt als wir 2013 kurz vor der Insolvenz standen.

Wie kam es damals so weit?

Seim: Es war für uns in den ersten Jahren schwierig, das Geschäft zum Laufen zu bringen. Digitale Abo-Modelle waren noch nicht so etabliert wie heute, und wir mussten viele Aspekte unseres Geschäfts von der Pike auf lernen – von der Produktentwicklung bis hin zum Marketing. Aufgrund schwacher Zahlen der ersten Monate war es für uns schwierig, Investoren von unserer Idee zu überzeugen. Die Folge war, dass wir trotz harter Arbeit fast pleite gegangen wären.

Fast? Was hat sie vor diesem Schicksal bewahrt?

Seim:
Wir haben mehr oder weniger in letzter Sekunde Investoren gefunden, die an uns geglaubt haben und uns vor der Insolvenz gerettet haben. Wir konnten dann auch unseren Mitarbeitern endlich wieder Gehälter bezahlen. Das hatten wir zu diesem Zeitpunkt nämlich bereits zwei Monate lang nicht gekonnt. Dem damals noch sehr kleinen Team zu sagen, dass wir sie nicht bezahlen können, war für mich mit das Härteste an der ganzen Situation.

Sie sind ein junger Unternehmer und haben mit ihrem Start-Up bereits eine harte Phase überwunden: Was will Blinkist als nächstes schaffen? Oder anders gefragt: Kommt da noch was?

Seim: Absolut, da kommt noch was! Wir sind zwar bereits seit einiger Zeit auf einem guten Wachstumkurs, wären aber schlechte Unternehmer, wenn wir nicht weiter nach rechts und links schauten, um uns zu verbessern. Wir haben auf jeden Fall noch ein paar Asse im Ärmel. Zum Beispiel arbeiten wir gerade an neuen Formaten, um unseren Nutzern noch mehr Inhalte zu bieten, die es einfacher machen, sich kontinuierlich weiterzubilden. Für unsere englischsprachigen Nutzer haben wir bereits zwei neue Formate erfolgreich eingeführt. Lassen Sie sich überraschen.

Zum Abschluss: Google hat Blinkist den Android Excellence Award verliehen und die Vereinten Nationen zeichneten die App mit dem World Summit Award in der Kategorie Bildung aus. Was bedeutet Ihnen als Gründer mehr: Auszeichnungen wie diese, oder dass Tim Cook Ihre App nutzt?

Seim: Das ist schwer zu vergleichen. Dass Tim Cook uns besucht hat, war für mich und meine Kolleginnen und Kollegen sehr besonders, weil er im App-Bereich wahnsinnig viel Erfahrung hat. Zu wissen, dass er Blinkist gut findet, ist für uns natürlich eine tolle Motivation, um auf dem Pfad, auf dem wir sind, weiterzumachen. Aber natürlich ist es auch schön, wenn unser Team mit Auszeichnungen geehrt wird, weil es zeigt, dass sich unsere harte Arbeit lohnt.

Wollen Sie sich ein eigenes Bild von Blinkist machen? Die App steht allen iOS- und Android-Nutzern zum kostenlosen Download auf Deutsch und Englisch zur Verfügung.

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