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Skeptischer Lesejunkie testet App Blinkist im Selbstversuch

Kurzversionen von über 3.000 Sachbüchern in einer App, das verspricht Blinkist seinen Nutzern. Das Konzept stimmt Lesebegeisterte und Bücherfans skeptisch. Ein Selbstversuch.
von Julia Königs | 06.02.2020

Ich bin ein Lese-Freak. Mein Stapel ungelesener Bücher platzt aus allen Nähten. Ich liebe es, unendlich viel Auswahl zu haben und mich in ein Buch zu vertiefen. Und eigentlich würde ich gerne noch viel mehr lesen. Mit diesem Problem bin ich nicht allein: Laut Umfrage im Rahmen der Leipziger Buchmesse 2015 lesen wir Deutschen nur fünf Bücher pro Jahr.

Für jemanden wie mich klingt die Idee der App Blinkist da nahezu perfekt: Sachbücher und Ratgeber zusammengerafft auf fünfzehn Minuten Lese- oder Hörzeit, große Worte klein verpackt. Mini-Buch-Versionen also. Aber kann man den Inhalt eines 600-Seiten-Wälzers wirklich so radikal herunterbrechen?

Die Gründer des Berliner Startups Blinkist: Niklas Jansen, Tobi Balling und Holger Seim (v. l.), nicht im Bild: Sebastian Klein
Die Gründer des Berliner Startups Blinkist: Niklas Jansen, Tobi Balling und Holger Seim (v. l.), nicht im Bild: Sebastian Klein

„Blinkist fasst den Inhalt von Sachbüchern zusammen – und liest die Texte per App vor. Damit hat das Unternehmen einen Nerv getroffen.“
– brand eins Wirtschaftsmagazin

Das Prinzip ist nicht ganz einfach zu transportieren. Vor allem dann nicht, wenn man Vielleser wie mich überzeugen will. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum das Startup 2013 kurz vor der Insolvenz stand, zwei Monate lang keine Gehälter auszahlen konnte und nur knapp durch die Investitionen zweier deutscher Unternehmen gerettet wurde. Heute ist aus dem Berliner Jungunternehmen eine App geworden, die sogar Apple-CEO Tim Cook für sich nutzt. Jetzt bin ich an der Reihe. Ich will auch überzeugt werden.

Wissens-App bringt Sachbücher auf den Punkt

Mit der App Blinkist auf meinem Smartphone stöbere ich durch die Kategorien. Management, Kommunikation, Börse und Geld, Geschichte, Motivation. Ich entscheide mich für Der Ernährungskompass von Bas Kast und bin nach einer Viertelstunde durch mit dem Ratgeber, vor dessen umfangreichen Informationen ich mich schon ewig gedrückt habe. Die neun die Abschnitte, Blinks genannt, die mir die Kernaussage einer Passage beschreiben, sind kurz, prägnant und vollgepackt mit Wissen.

Trotzdem frage ich mich: Wurde nicht doch etwas ausgelassen? Hätte ich einen Aspekt anders interpretiert, hätte ich das komplette Buch gelesen? Und was ist eigentlich mit der persönlichen Stimme des Autors?

Aber nach und nach gefällt mir diese objektive Schreibweise. Da gibt es keine Schnörkel, nur präzises Wissen. Am nächsten Tag lese ich zwei kürzere Bücher vor dem Schlafengehen. Das Einlesen in neue Themen funktioniert wirklich, selten habe ich mich so intensiv in so kurzer Zeit weitergebildet. Anspruchsvolle Titel wie Der Fürst von Niccolo Machiavelli und Die 7 Wege zur Effektivität von Stephen R. Covey haben für mich plötzlich zwischen Arbeit, Familienausflügen und Fußballspielen wieder Platz.

Kurztexte von Blinkist ersetzen ein ganzes Buch?

Mit der App Blinkist kann ich in Sachbuchtitel reinlesen, die mich nur vage interessieren und die ich vielleicht wieder weglegen würde. Ich kann quasi gefahrlos an-konsumieren. Schließlich investiere ich ja bloß 15 Minuten. Falls ich auf einen Titel stoße, den ich doch lieber ganz lesen will, kann ich das immer noch tun. Aber eigentlich reichen mir die Kurzversionen der App. Ich habe das überraschend positive Gefühl, ein Buch nicht nur überblättert, sondern wirklich gelesen zu haben.

Zugegeben, bei Titeln wie Romanen, Fantasyschinken oder Krimis bleibe ich weiterhin kritisch: Ein Fall von Commissario Brunetti funktioniert nur in seiner Gänze, und den bissigen Tonfall von Ferdinand von Schirach kann man schwer zusammenkürzen. Doch in der Zwischenzeit erweitere ich meinen Lesehorizont abseits der Belletristik mit meiner Wissensapp Blinkist.

Ratgeber zusammenzukürzen macht Sinn, denn sie leben nicht von Handlungssträngen, Dialogen oder dem atmosphärischen Unterhaltungswert wie die Belletristik. Stattdessen holt Blinkist aus einem Sachbuch den echten Nutzen heraus, die Essenz, mit der ich meinen Horizont erweitern und mich bilden will. Und das halte ich für echtes Geschick.

„Ich habe mir die Kernaussagen von „Das Kapital“ im ICE angehört. Ein echter Klassiker, ein Monster von Buch. Wenn man kurz in ein Thema einsteigen möchte, ist das echt interessant.“
– Apfelplausch, iOS-Podcast

Zeit gewinnen, noch mehr lesen: So lese ich jetzt über 30 Bücher im Monat

Um komplizierte Sachverhalte so griffig zusammenzufassen, dass sie im Gedächtnis bleiben, braucht es ein Expertenteam. Blinkist gewinnt für mich auch hier, denn jeder Buchtitel in der Bibliothek aus den 27 Kategorien wird von Profis kuratiert. Autoren, Lektoren, Psychologen und Sprecher extrahieren die Kernelemente aus einem Buchtitel und empfehlen mir am Ende eines Titels sogar, wie ich mein neues Wissen gleich in die Tat umsetzen kann. Viele Sachbücher nehmen mir diesen Schritt nicht so bereitwillig ab. Die Redaktion hinter den Kurzversionen bleibt außerdem fair: Selbst provokante Aussagen eines Titels werden sachlich dargelegt. Das ist Objektivität, wie sie ein Sachbuch braucht.

Wer sich jetzt fragt, ob nicht auch Ratgeber aus einem bestimmten Grund ihre individuelle Note und Argumentationslinie haben – ja, sicher. Trotzdem halte ich es heutzutage für sinnstiftend, Aussagen eines Autors so kurz kurz wie möglich zu halten. Wer Muße hat, sich Das Kapital komplett durchzulesen, kann das gerne tun. Für mich aber reicht es, mich mit einer präzisen Übersicht zu informieren. Bisher blieben mir schließlich nach dem Lesen auch nur die zentralen Aspekte eines Sachbuchs im Kopf. Alles andere ist schöne Verpackung, manchmal auch Geschreibe um den heißen Brei herum. Am Ende meines ersten Blinkist-Monats staune ich: Ich habe 30 Titel gelesen. In nur neun Stunden.

Blinkist komprimiert Informationsflut

Bei allem, was es in der Welt zu wissen gibt, ist der Informationsschub der Kurzform eines Sachbuchs von der App Blinkist angenehm kompakt. Ideal für diejenigen, die ihr Wissen erweitern wollen, aber einfach kaum Zeit finden, die analoge Leseliste abzuarbeiten, auf der schon die nächsten 20 Bücher warten. 13 Millionen Nutzer hat die App weltweit, jetzt bin ich einer davon. Und während die Blinkist-Bibliothek mit monatlich 40 neuen Buchtiteln anwächst, steigt auch meine Lesesucht. Blinkist und ich, das hat Zukunft.

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