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Lesen als Medizin

Die wundersame Wirkung der Literatur

By Andrea Gerk
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Lesen als Medizin by Andrea Gerk
Synopsis

Wie ist es möglich, dass uns ein Buch, das ja eigentlich nur aus einem Stapel bedruckter Blätter besteht, völlig in seinen Bann ziehen kann? Und wie lässt sich diese Kraft des Lesens gezielt nutzen, beispielsweise in der Medizin? Das sind zwei der zentralen Fragen, denen diese Blinks nachgehen.

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Schon die Antike kannte die heilende Wirkung des Lesens, aber das frühe Christentum unterdrückte dieses Wissen.

Psychēs iatreion – diese Inschrift prangte in Stein gemeißelt über der legendären Bibliothek von Alexandria. Sie bedeutet so viel wie Heilstätte der Seele. Schon in der Antike wussten die Menschen also um den Zusammenhang von Wissensaufnahme und Gesundheit.

Formuliert wurde er zuerst von Aristoteles. Der griechische Philosoph, von seinen Kommilitonen der Leser genannt, argumentierte im 4. Jahrhundert v. Chr. in seinem Werk Poetik, dass tragische Theatervorstellungen das Publikum erleichtern oder heilen können. Indem sich die Zuschauer mit dem leidenden Helden identifizieren und seine Qualen nachfühlen, so Aristoteles, durchlebten sie auch ein eigenes Unwohlsein, welches sie ins Theater mitgebracht haben. Im günstigen Fall überwinden sie es dadurch und verlassen das Theater „lustvoll erleichtert“. Somit hat das Mitleiden einen kathartischen, also reinigenden Effekt.

Eigentlich bezeichnete Katharsis die Reinigung des Körpers von Giften. Aristoteles war der Erste, der den Terminus für die heilende Wirkung von Dichtung und Musik verwendete.

Das einige Jahrhunderte später aufkommende Christentum unterdrückte die Verbreitung der Poetik und anderer Schriften von Aristoteles. Die christlichen Herrscher fürchteten, die beschriebene Macht der Wörter könnte dem Christentum seinen alleinigen Erlösungsanspruch streitig machen.

Auch andere antike Schriften passten nicht in das christliche Weltbild, wie etwa die Abhandlungen der Freidenker Lukrez und Epikur, welche die Freiheit des Einzelnen propagierten. So führten christliche Machthaber die europäischen Kulturen in eine lang andauernde Epoche der kulturellen Stagnation – ein Grund dafür, dass wir heute vom finsteren Mittelalter sprechen.

Ein bekanntes Beispiel aus der neueren Literatur behandelt genau diese Problematik. Im Roman Der Name der Rose von Umberto Eco besitzt ein Mönch eine Kopie des verschollenen zweiten Buchs der Poetik. Darin, so spekuliert Eco, beschreibt Aristoteles, wie das Lachen beim Besuch einer Komödie Menschen von ihren Ängsten befreien kann. Der Mönch versucht, die Schrift zu verbergen, und tötet dafür sogar. Er glaubt, die Menschen könnten mit ihrer Angst auch ihre Gottesfurcht überwinden, wodurch die Kirche ihre Macht verlieren würde.

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