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Ghosting

Vom spurlosen Verschwinden des Menschen im digitalen Zeitalter

By Tina Soliman
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Ghosting by Tina Soliman

Wenn Menschen plötzlich und ohne Ankündigung aus unserem Leben verschwinden, werden sie zu Gespenstern. In den Blinks zu Ghosting (2019) zeigen wir dir, welche Ausmaße Ghosting heutzutage angenommen hat und wieso es zu einem ernst zu nehmenden Problem für unsere Gesellschaft werden könnte.

  • Menschen, die verlassen wurden
  • Alle, die mehr über die Liebe in Zeiten von Tinder und Co. erfahren wollen
  • Psychologie-Interessierte

Tina Soliman arbeitet als Journalistin und Regisseurin. Viele ihrer preisgekrönten TV-Dokumentationen für ARD und ZDF wurden weltweit ausgestrahlt. Das Thema Ghosting ist für Soliman kein Neuland. Schon in den Büchern Funkstille (2011) und Der Sturm vor der Stille (2014) beschäftigte sie sich mit Menschen, die verschwinden. 

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Ghosting

Vom spurlosen Verschwinden des Menschen im digitalen Zeitalter

By Tina Soliman
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Ghosting by Tina Soliman
Synopsis

Wenn Menschen plötzlich und ohne Ankündigung aus unserem Leben verschwinden, werden sie zu Gespenstern. In den Blinks zu Ghosting (2019) zeigen wir dir, welche Ausmaße Ghosting heutzutage angenommen hat und wieso es zu einem ernst zu nehmenden Problem für unsere Gesellschaft werden könnte.

Key idea 1 of 8

Wenn ein Mensch spurlos aus dem Leben verschwindet, wird er zum Gespenst.

Vier Monate lang befand sich Laura im siebten Himmel. Ihr neuer Freund, den sie auf Tinder kennengelernt hatte, überschüttete sie nur so mit Liebesbekundungen. Ein Strauß Blumen hier, eine spontane Einladung zum Essen dort, und zwischendrin Hunderte kleiner Nachrichten. Sie dachte, sie hätte sie endlich gefunden: die Liebe ihres Lebens. Bis er plötzlich von heute auf morgen aus ihrem Leben verschwand. 

Auf WhatsApp antwortete er nicht mehr, er ging nicht mehr ans Telefon, und dann bemerkte Laura auch, dass sämtliche seiner Social-Media-Profile nicht mehr existierten. Was war passiert? Litt er an einer psychischen Störung, war er depressiv oder schizophren geworden, war er deswegen verschwunden? Oder war etwa sie dafür verantwortlich? Was hatte er von ihr gewollt? Noch Monate später grübelte sie über diese Fragen nach, denn Antworten gab es keine. Es kam zu keinem Schlussstrich, keiner kathartischen Erklärung. Der Ex-Freund spukte nur immer weiter durch ihre Gedanken.

Das, was Laura erlebt hat, nennt sich Ghosting. Jemand bricht plötzlich den Kontakt ab und ist in der virtuellen Welt plötzlich nicht mehr auffindbar. Er macht sich zu einem Gespenst. Der Begriff Ghosting beinhaltet darüber hinaus auch das Gefühl von Unwirklichkeit, das viele Zurückgelassene erleben. 

Natürlich sind Menschen schon immer spurlos verschwunden. Wohl nicht ganz umsonst existieren die Klischees des Mannes, der vom Zigarettenholen nicht mehr zurückkommt, oder der Frau, die eines Nachts plötzlich die Kinder einpackt und auf Nimmerwiedersehen davon fährt. Ghosting ist jedoch insofern neu, als wir heute in dauerkommunikativen Zeiten leben, in denen Kontakte eigentlich nie abbrechen. Wenn früher jemand verschwand, dann musste er keine Social-Media-Profile löschen. Man hatte keine Möglichkeit, die verschwundene Person zu kontaktieren – nicht einmal via Handy. Wer heute verschwinden will, muss hingegen zum Gespenst werden: Entweder muss er alle Profile und Nummern loswerden oder sämtliche Kontaktversuche ins Leere laufen lassen. 

Ghosting geschieht meist mit einer bestimmten Hoffnung: Der oder die Verlassene soll, ohne dass man dies tatsächlich mitteilen müsste, das Ende der Beziehung realisieren. Ähnlich, aber doch ganz anders funktioniert die Funkstille. Sie gleicht mehr einer Pausentaste. In der Funkstille schweigt man, um über eine Beziehung nachzudenken. Ghosting ist drastischer. Wer ghostet, will die Kommunikation für immer beenden. Daher setzen Menschen die Funkstille meist eher gegenüber ihren Eltern ein, während sie gegenüber Liebschaften oder Teilen des Freundeskreises zu Geistern werden.

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